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Christliches Menschenbild

Und? Haben Sie die Online-Petition schon unterschrieben? Ja, genau die – die gegen den neuen Bildungsplan unserer Landesregierung! Haben Sie denn dann das Arbeitspapier zum Bildungsplan zuvor auch gelesen? Ich jedenfalls, soviel vorweg, werde diese Petition nicht unterschreiben, und ich habe den Entwurf zum Bildungsplan 2015 gelesen.

Für die, die bisher nur Bahnhof verstanden haben: Die Landesregierung bastelt mal wieder, wie so viele ihrer Vorgängerinnen auch, am Bildungsplan herum. Und seit ich Pfarrer bin, habe ich mindestens 4 Änderungen des Bildungsplans und der Lehrpläne erlebt, nicht immer zu meiner Freude, denn das bedeutet ja auch ständig – unabhängig von der Pflicht, den eigenen Unterricht zu hinterfragen – zusätzliche Veränderungen und kostet Zeit. Und schließlich hat man ja noch anderes zu tun als Pfarrer.

Allgemeine Funktion des Bildungsplans

Die Bildungspläne jedenfalls reagieren immer auf neue Herausforderungen, die sich aus der Veränderung unserer Lebenswirklichkeit ergeben und wollen die Schüler/innen dazu erziehen, altersgemäß, verantwortungsbewusst und immer selbstbestimmter auf diese Herausforderungen antworten zu können. Dazu sollen sie im Lauf ihres Schülerlebens die dafür notwendigen „Kompetenzen“ erwerben.
In dem Arbeitspapier, das nun diskutiert wird, werden neben den bereits in den früheren Bildungsplänen vorhandenen Kompetenzen und Bildungszielen neue, zusätzliche Leitlinien verankert, die bei der Entwicklung der Kompetenzen berücksichtigt werden sollen, nämlich: 1. Berufliche Orientierung, 2. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, 3. Medienbildung, 4. Prävention & Gesundheitsförderung sowie 5. Verbraucherbildung. Diese Leitlinien werden dann noch einmal nach Kompetenzen, Inhalten, Klassenstufen und Fächern untergliedert. So weit, so gut.

Erziehung zu Homosexualität ?

Woran sich die Gegner und Verfasser der Online-Petition gegen dieses Arbeitspapier stören, ist die Tatsache, dass darin auch Gesichtspunkte der sexuellen Vielfalt von Menschen angesprochen werden und zu Toleranz gegenüber sexuell anders orientierten Menschen erzogen werden soll. Manche Kritiker brandmarken das als „Erziehung zu Homosexualität“.
Wodurch dieser Eindruck entstehen kann, ist der Umstand, dass den einzelnen der fünf Leitlinien jeweils ein Abschnitt angefügt ist „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Mit anderen Worten: Dieser Gesichtspunkt fehlt noch in den bisher ausgearbeiteten Formulierungen der Leitlinien und ihrer Unterpunkte (Ausnahme ist da allein die Leitlinie „Prävention und Gesundheitsförderung“, innerhalb derer das Thema der sexuellen Orientierung mit dem Ziel der Selbstakzeptanz bei Abweichungen von gesellschaftlichen „Normen“ bereits eingeordnet ist. Daher wird das Problem der Selbstakzeptanz auch am Beispiel von – öffentlich bekannten – Personen diskutiert, die das Tabu darüber zu reden gebrochen haben, wie jüngst der Fußballstar Thomas Hitzlsperger).
Dass dieser Aspekt von notwendiger Toleranz eigens erwähnt werden muss und als noch zu berücksichtigender Gesichtspunkt sozusagen hervorgehoben wird, ist unglücklich. Dass jedoch durch dieses Arbeitspapier „Homosexualität“ als eigenständiges Thema oder sogar als eigenes Fach in den Schulunterricht eingeführt werden soll, wie manche Kritiker/innen meinen machen wollen, geht dagegen völlig an der Sache vorbei.

Christliches Menschenbild ?

Weiter in die Tiefe will ich nicht gehen, das würde hier zu viel Raum einnehmen. Allerdings will ich auf die Frage eingehen, die hinter dieser Diskussion steht, denn aus diesem Grund beschäftige ich mich als Christ überhaupt mit dieser unnötigen Diskussion und nötige Sie als Leser/in unserer Homepage, ihre Zeit beim Lesen dieser Zeilen zu verschwenden.

Die zu Grunde liegende Frage lautet: Gibt es ein einheitliches verbindliches und zeitunabhängiges christliches Menschenbild in der Bibel? Insbesondere im Blick auf Ehe, Familie und andere menschliche Gemeinschaften. - Vielleicht erinnern sich einige, diese Frage wurde vor kurzem auch schon im Blick auf die „Orientierungshilfe Familie“ der EKD ebenso kontrovers diskutiert.

Die Verfasser der Petition gegen das Arbeitspapier der Landesregierung zum Bildungsplan meinen, kurzgefasst: Ja, es gibt ein solches verbindliches Menschenbild in der Bibel. Im Blick auf die Geschlechter bedeute dieses die eheliche und sexuelle Gemeinschaft von Mann und Frau, gerichtet auf die Zeugung und die Erziehung von Kindern. Andere Lebensformen und Ausprägungen der Sexualität sind von Gott nicht vorgesehen und widersprechen der Schöpfungsordnung. Daher sollen sich Kinder auch nicht mit anderen sexuellen Orientierungen auseinandersetzen.

Ich meine ebenfalls: Ja, es gibt in biblischer Orientierung ein für uns Christen verbindliches Menschenbild. Dieses finde ich in der lebendigen Offenbarung der Liebe Gottes zu uns Menschen in Jesus Christus. Sein Handeln, sein Umgang mit anderen Menschen - insbesondere mit Außenseitern der Gesellschaft seiner Zeit - sind für mich Maßstab und Orientierung für den Umgang von Christen mit „Außenseitern“ heute.

Schulische Realität

Wenn Sie wüssten, wie sehr Beleidigungen unter Kindern (!) und Jugendlichen (sowieso) an der Tagesordnung sind und gerade sexuellen Charakter haben (kleine Auswahl gefällig, ohne die ganz harten Ausdrücke? „Du Schwuchtel!“, „Du schwule Sau!“, „Du Spast!“, „Du Opfer!“, „Du Nutte!“ …), dann wüssten Sie auch, wie viel noch zu tun ist für ein tolerantes Miteinander im Umgang mit Menschen, die eine andere sexuelle Orientierung haben. Denn irgendwoher haben diese Kinder diese Ausdrücke ja und das Wissen, dass es sich um eine „Beleidigung“ handelt …
Der einzige Schutz von betroffenen, sexuell anders als die „Norm“ orientierten Menschen ist oft nur ein gutes tragfähiges Netz von Freunden oder ein prominenter Status. Und da kann ich Thomas Hitzlsperger gut verstehen, dass er erst nach seiner aktiven Zeit damit herausrückt. Unter Jugendlichen geht es da noch sehr viel ruppiger zu als in der Welt der Erwachsenen. Gerade in der Phase, in denen sich ihre sexuelle Orientierung herausbildet und manche Jugendliche merken, sie sind „anders“. Wenn etwas davon herauskommt und man dann Opfer solcher Angriffe wird, hat man nicht mehr viel zu lachen. Ich kenne Fälle, in denen Jugendliche deshalb die Schule wechseln mussten, oder angefangen haben, sich mit Messern zu „ritzen“ …

Unser Auftrag

Als Christen haben wir geradezu den Auftrag, uns an die Seite dieser „Opfer“ zu stellen, und darum ist es richtig, dass das Arbeitspapier zum Bildungsplan auf dieses Defizit an Toleranz aufmerksam macht und das Thema mit Schülern bearbeitet werden soll. Das bedeutet noch lange nicht, dass Kinder zur „Homosexualität“ erzogen werden sollen, sondern dass sie zu einem normalen, menschlichen Umgang mit Menschen anderer Orientierung finden.
Was mir allein am Arbeitspapier zu kurz kommt: dass Diskriminierung im Alltag nicht nur Menschen anderer sexueller Orientierung betrifft, sondern auch Menschen mit Behinderung, Menschen anderer Herkunft oder Menschen anderer kultureller Prägung („Du Jude!“ ist auch ein solches Schimpfwort, das man auf dem Schulhof bei uns in St Ilgen hören kann).
Vielleicht müsste das im Bildungsplan 2015 auch noch einmal explizit als zusätzlich zu berücksichtigender Gesichtspunkt eingearbeitet werden: Toleranz anderen Kulturen und Religionen gegenüber. Auch diese können wir übrigens von Jesus lernen – vgl. die Diskussion Jesu mit der samaritanischen Frau(!) in Joh 4,19-24 !

Gründe für mangelnde Toleranz

Meist speist sich die mangelnde Toleranz gegenüber den „Anderen“ (ob nun sexuell „anders“ orientiert, ob kulturell anders geprägt, ob einer anderen Religion angehörig) am Ende nur aus der Angst vor Veränderungen oder aus der Angst vor der Infragestellung der eigenen „Sicherheiten“, seien es Sicherheiten äußerer Natur (z.B. „Wohlstand“, sozialer Status) oder innerer Natur (z.B. politische oder religiöse Überzeugungen). Und Angst führt zu Ausgrenzung, Ausgrenzung zu Aggression und Aggression schließlich zu Gewalt (gegen andere oder gegen sich selbst, s.o.).
Aus christlicher Sicht kann es m.E. aber nur eine Grenze für Toleranz geben: Keine Toleranz für Intolerante! Und das gilt für Intoleranz, egal welchen Anstrich sie sich gibt – sei es politische Intoleranz, sei es rassistische Intoleranz, seien es religiöse Intoleranz oder Intoleranz im Blick auf sexuelle Orientierungen.

Zum Schluss

Und so wünsche ich Ihnen in diesem (noch) neuen Jahr auch einen neuen Blick auf Ihre Nachbarschaft, auf Ihre Begegnungen am Arbeitsplatz und Ihre Gespräche am „Stammtisch“: Suchen Sie das Gespräch, den Kontakt, auch mit den „Anderen“ und entdecken Sie, was diese und Sie selbst sind: Menschen. Menschen, in denen allen, so klein er auch sein möge, der göttliche Funke brennt.

Ihr Gemeindepfarrer Jörg Geißler
12.01.2014



PS.: Wenn Sie eine eigene Meinung dazu haben, schreiben Sie mir gerne. Ich werde an dieser Stelle gerne ein Diskussionsforum eröffnen.
E-Mail an Pfr Geißler.


PPS.
Was ich nicht verstehe an der derzeitigen Diskussion über solche Fragen der sexuellen Orientierung oder ähnlicher individueller Bedürfnisse: Warum beschäftigen wir uns überhaupt damit? Ist die Beschäftigung damit in Wirklichkeit nicht vielmehr eine Ablenkung von den viel wichtigeren Themen, die wir eigentlich diskutieren sollten und bei denen wir selbst endlich handeln sollten? Oder Politik und Wirtschaft zum Handeln zwingen sollten?
Nämlich wie wir eine gerechte Weltwirtschaft entwickeln, damit nicht noch mehr Menschen auf der Flucht vor ihren erbärmlichen Lebensverhältnissen jämmerlich im Mittelmeer ertrinken, in der Sahara verdursten oder sonst auf dem Weg nach Europa krepieren? Oder wie wir unsere Industrieproduktion, unseren Hunger nach Luxus und unsere damit verbundene Verschwendung von Wasser, Luft, Nahrungsmitteln und anderen Rohstoffen sinnvoll begrenzen, und damit Umweltverschmutzung und globalen Temperaturanstieg aufhalten?

Ist es angesichts dieser für die Menschheit existentiellen Fragen denn wirklich wichtig und interessant, wer mit wem freiwillig ins Bett geht?
Die Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Problemen, die aber würde dann tatsächlich auch unsere ganz eigene Lebensführung in Frage stellen – oder?

 

 
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