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Angst essen Seele auf

[ Alternatives Geistliches Wort für den Gemeindebrief 3-2016 (Oktober-November), verfasst im August 2016 ]

Liebe Leserinnen und Leser,

in Zeiten wie diesen, inmitten gesellschaftlicher Umbrüche (Flüchtlings“krise“, AfD, Brexit ...) bräuchte es an dieser Stelle statt eines geistlichen Wortes eine breite gesellschaftliche Analyse. Aber wer liest die? Das wäre doch vielen Leser/innen auch dieses Gemeindebriefes viel zu langatmig und kompliziert. Da müsste die Rede sein von Individualisierung, Fragmentierung unserer Gesellschaft, sozialer Schere, Demographie, Europa-Bashing, neoliberaler Wirtschaftsordnung und deren Folgen. Also halten wir es einfach und beschränken uns auf einen Punkt: Angst essen Seele auf! - Vorausgesetzt, Sie wissen oder ahnen, was „Seele*“ ist.

(*Seele - der personale Kern, den Gott in uns Menschen angelegt hat, der uns zu dem macht, der / die wir sind. Der geprägt ist vom lebendigen Geist Gottes, der uns Kraft gibt zum Widerstand gegen lebensfeindliche Kräfte um uns und in uns (Resilienz), der uns fähig macht zur Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott selbst ).

Angst an sich ist noch nichts Schlimmes - sie warnt uns vor Gefahren. Doch die Angst kann auch lähmen und die Vernunft außer Kraft setzen. Und es gibt sehr unterschiedliche Dimensionen der Angst. Angst vor Tieren, Höhenangst, Angst, der Himmel stürzt einem auf den Kopf, Angst vor dem Tod … Unsere Gesellschaft als Ganze wird heute von Ängsten bestimmt: Angst vor dem Terror, Angst vor dem Fremden, Angst vor Bedeutungsverlust (individuell oder als Nation), Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg.

Besonders diese letzte Angst ist heute beherrschend - v.a. in der Mittelschicht - und hat ja durchaus einen realen Hintergrund. Immer mehr Arbeitsplätze gehen verloren durch die zunehmende Technologisierung - und das, was wir derzeit davon sehen, ist nur der Anfang. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, muss froh sein, wenn er einen Tarifvertrag hat und keinen zeitlich befristeten oder unterbezahlten Arbeitsplatz. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Seit Jahren gibt es kein reales Wachstum mehr, die Illusion einer Steigerung des Bruttosozialprodukts wird nur aufrechterhalten durch eine immer höhere Produktionsgeschwindigkeit. Bei all dem bleibt der Mensch auf der Strecke.

Wen wundert's, wenn Menschen dagegen rebellieren. Doch die Angst vernebelt den Blick. Die Revolte sucht sich das falsche Ziel. Statt das Wirtschaftssystem zu hinterfragen, werden die noch Schwächeren angegriffen.

Dieser Trend begann nach meiner Wahrnehmung schon vor ein paar Jahren, noch vor den Flüchtlingsströmen. Damals gab es einen greifbaren Hass von Menschen aus der Mittel- und der Oberschicht auf die ganz unten, auf die Hartz-IV-Empfänger/innen - die angeblich nichts leisten und sich nur auf der sozialen Hängematte ausruhen wollen. Auch dieser Hass trieb seine bizarren „Blüten“ in den Internetforen - damals von vielen noch unbemerkt. Doch die tägliche Verachtung war zu spüren - in den Schulklassen, auf den Einkaufsstraßen. Und dann die Politik: Fordern statt Fördern. Nettes Prinzip. Solange es noch Arbeitsplätze gibt. Wo aber vor allem Billigjobs und prekäre Arbeitsverhältnisse (=Sklavendienste) im Angebot sind, macht das nur äußerst begrenzt Sinn.

Angst essen Seele auf: Das Mitgefühl und die Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwinden, wenn der eigene Geldbeutel angeblich schmaler wird, weil man „die da unten“ mittragen muss. Die Angst sucht sich immer die noch Schwächeren als Ziel der Aggression, statt die wahren Ursachen der Depression anzugehen.

Nun also seit zwei Jahren die Flüchtlinge. Angst essen Seele auf: Das Mitgefühl mit Menschen, die vor dem Krieg fliehen, die ihre Kinder in Sicherheit bringen wollen, die überleben wollen wie wir selbst auch, wird ausgeblendet. „Die nehmen uns das weg, was wir erarbeitet haben. Die kosten uns so viele Milliarden …“. Dazu die Angst vor dem Fremden, Unbekannten. Und die Pauschalisierung: Jeder Moslem ein potentieller Terrorist. Angst essen Seele auf: Und übrig bleiben Hass und Gewalt.

Angst bewirkt, dass ich mich nicht mehr auseinander setzen will mit der Welt außer mir, um mich herum. Dass ich in ein Zeitkokon krieche namens „Früher war alles besser“. Dass ich Tatsachen nicht wahr haben will oder leugne, weil es Veränderung von mir selbst erfordern würde - und meine Lügen dichte ich dann anderen an („Lügenpresse“ schreien statt konstruktive Kritik zu üben, für die es durchaus Anlass gäbe). Dass Grenzen hochgezogen werden und man die EU verlässt.

Ja, der Kuchen, der verteilt werden kann, wird immer kleiner. Das liegt aber nicht ausschließlich an denen, die von außen dazu kommen. Sondern daran, dass der größte Teil vom Kuchen in unserem neoliberalen Wirtschaftssystem anderswo verspeist wird. Dass im freien Markt die großen Wirtschaftskonzerne ihr Kapital dahin verschieben, wo am wenigsten Steuern gezahlt werden und sie sich so ihrer sozialen Verantwortung für die Gesellschaft entziehen. Sich dagegen zu positionieren, das Wirtschaftssystem zu hinterfragen, dazu aber hat die Angst zu viel Angst oder zu wenig Durchblick.

Solange wir selbst diese Spielchen mitspielen und Menschen als „Stars“ an"himmeln" (Ob Sportler, Künstler oder andere „gewöhnliche“ Reiche), die ihr Geld offshore parken, und solange wir gerne selbst so wären wie jene - so lange zeigen wir nur, dass wir selbst nichts anderes sind als ein „Produkt“ dieser kapitalistischen, neoliberalen Leistungsgesellschaft, die für nichts und niemand außer für den eigenen Geldbeutel Verantwortung übernehmen will.

Aber: „Was nützte es einem, wenn er die ganze Welt gewönne, aber Schaden an seiner Seele nähme?“ Fragt uns Jesus. Und sagt uns: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Vielleicht gibt es nur dieses Mittel gegen die Angst: Vertrauen. Vertrauen, dass im Bund mit Jesus wir nicht bloß eine rosarote Brille aufsetzen, durch die alles lediglich besser aussieht, sondern dass dieses Vertrauen die Grundlage ist, nicht blind vor Angst falsche Schlüsse zu ziehen, sondern die Ursachen der gegenwärtigen Misere zu bekämpfen, geduldig, mutig („getrost“), damit es besser wird, unbeirrbar von der Angst der anderen.

Nachdenklich, genervt und besorgt
Ihr Gemeindepfarrer Jörg Geißler

Karikaturen: Plaßmann

 

 
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