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EVANG. KIRCHENGEMEINDE ST. ILGEN


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B. Die Evang. Dreifaltigkeitskirche - ein Kirchenbau im Jugendstil

(Heidrun Bethe)

Die Dreifaltigkeitskirche ist eine der wenigen im Jugendstil ausgeführten Kirchenbauten Nordbadens.

Der aus Hamburg stammende Architekt unserer Kirche Emil Döring (1867-1939) hatte bereits in Mannheim als Mitarbeiter und späterer Vorstand der Evangelischen Kirchenbauinspektion in Heidelberg die Lutherkirche und die Friedenskirche in Mannheim verwirklicht(1). Als Leiter des Baubüros der Ev. Kirchengemeinde Mannheim war er an der Bearbeitung der architektonisch hoch bedeutenden Christuskirche beteiligt(2). Zeitgleich mit der Dreifaltigkeitskirche baute er für die evangelische Kirchengemeinde in Strümpfelbrunn (1913-1917) ein Gotteshaus(3).

Ansicht der Kirche von Süden
(Archiv der Bauabteilung der Evang. Landeskirche in Baden, Photo: JG)

Die Hauptschauseite der Dreifaltigkeitskirche beeindruckt mit einem großen geschwungenen Emporenfenster, das ein Gegengewicht zu dem an die Seite verlegten wuchtigen Kirchturm bildet (siehe Zeichnung rechts). Die kleinteiligen Fensterflächen werden unter einem Rundbogen zusammengefasst, der in zierlichen Voluten ausläuft und als Schmuckelement die schlichte, hell verputzten Fassade auflockert. Drei weitere Zwillingsfenster rhythmisieren das Erdgeschoss. Bänderungen aus Bruchstein spiegeln die Vertikale des Kirchturms, der von einem originell gestalteten polygonalen Turmhelm bekrönt wird. Das Bruchsteinmauerwerk des Gebäudesockels wird im Turmsockel fortgeführt und verbindet beide Gebäudeteile zu einer optischen Einheit. Das geschwungene Dach legt sich tief zur unverbauten Seite ausschwingend wie ein schützender Mantel um das Kirchenschiff.

Eine erhaltene Zeichnung belegt, dass Döring im frühen Planungsstadium ein direkt mit der Kirche verbundenes Pfarrhaus vorsah, das vermutlich aus Kostengründen verworfen wurde. Die Strümpfelbrunner Kirche (vergleiche dazu auch unter diesem Link) konnte Döring als baulich zusammenhängendes Ensemble aus Kirche, Konfirmandensaal und Pfarrhaus verwirklichen(4), einen sogenannten Gruppenbau, der alle Gemeindeaktivitäten bewusst unter einem Dach vereinte, um damaligen gesellschaftlichen Defiziten entgegenzutreten.(5)

Grundriss der Kirche
(Archiv der Bauabteilung der Evang. Landeskirche in Baden, Photo: JG)

Ein von Säulen gestütztes Vordach vor der Turmfassade verweist auf den im Erdgeschoss gelegenen Haupteingang. Von dort gelangt man in das geräumige Kirchenschiff, dessen Grundriss auf einem griechischen Kreuz basiert (siehe Abbildung links). Im Süden liegt über der Einschnürung zwischen Turm und Treppenhaus die von Säulen gestützte Besucherempore.

Die halbrund angeordneten Sitzbänke ermöglichen eine gute Sicht auf Altar und Kanzel, die zusammen mit der Orgel in einer Achse angeordnet sind. Der Architekt berücksichtigte in der Innengestaltung die Grundsätze des Wiesbadener Programms:

Das Gotteshaus sollte demgemäß ein Versammlungsraum für die Gemeinde sein, Chor und Kirchenschiff eine räumliche Einheit bilden. Der Altar sollte im Angesicht der Gemeinde, die Kanzel hinter oder über dem Altar stehen. Der Altar wurde nahe an die vordere Kante der Altarstufe gerückt, denn Abendmahl und Gottesdienst sollten inmitten der Gemeinde gefeiert werden(6).

Der nur leicht erhöhte Altarraum der Dreifaltigkeitskirche schwingt in einer Kurve weit in den Kirchenraum aus und schließt nach hinten mit einer geraden Wand ab. Darüber erhebt sich die Orgelempore, unter der platzsparend der Konfirmandensaal gesetzt wurde.

Die Dreifaltigkeitskirche ist von den neuen Ideen und Auffassungen für protestantische Kirchenbauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt und entspricht mit ihrem zentralisierenden Versammlungsraum der Forderung nach einer eigenen den liturgischen Bedürfnissen der Gemeinde ausgerichteten evangelischen Raumdisposition. Sie ist mit dem Bautyp der Johanniskirche in Mannheim-Lindenhof inbesondere im Grundriss verwandt, weist aber eine große stilistische Nähe mit der im Heimatstil erbauten Strümpfelbrunner Kirche auf. Die funktionale Raumauffassung sowie die reizvolle Baugestalt sind architektonisch gesehen von hohem Niveau.

Dörings Entwürfe für Altar, Kanzel und Orgelprospekt waren bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und einer einheitlichen künstlerischen Gestaltung unterworfen. Die Renovierung in den 60er Jahren zerstörte diese kompositorische Einheit und löste das Bauprogramm mit seinen vielfältigen räumlichen und dekorativen Bezügen zunächst auf.

Anmerkungen auf dieser Seite:

(1) Inge L. Buttmi, S. 52.
(2) Kultusbauten von dem Architekten G. E. Döring, S. 125, in: Badischer Architecten- und Ingenieur-Verein / Unterrheinischer Bezirk [Hrsg.] Mannheim und seine Bauten, 1906. Emil Döring hatte sich mit seinem Entwurf “Tuff“ am ausgeschriebenen Wettbewerb um die Christuskirche beteiligt.
(3) Ute Fahrbach-Dreher, Evangelische Kirche und Pfarr-haus in Strümpfelbrunn - ein Gruppenbau aus der Zeit des 1. Weltkrieges, Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 1997, Nr.1, S.29-34.
(4) Ute Fahrbach-Dreher, ebda, S.34.
(5) Otto March, Der Gedanke des evangelischen Kirchenbaus. In: Jahresbericht des Architektenvereins zu Berlin 1904.
(6) Erstveröffentlichung des Wiesbadener Programms in der Deutschen Bauzeitung 25, 1891, S. 258.


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