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EVANG. KIRCHENGEMEINDE ST. ILGEN


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4. Die Orgel

Planzeichnung der Orgel
(Archiv der Bauabteilung der Evang. Landeskirche in Baden, Photo: JG)

Ähnlich wie bei den Glocken und weiteren Ausstattungsmerkmalen waren der Gemeinde auch beim Bau der Orgel finanziell die Hände gebunden. Zunächst waren für die Orgel lediglich 3.500,- Mark vorgesehen.

Der zuständige Orgelbaukommissar für das badische Unterland, Her-mann Poppen, arbeitete anhand der Pläne für die Orgel eine Disposition aus. Gleich zu Anfang stellte er jedoch fest, dass für den vorgesehenen Betrag lediglich eine Orgel mit höchstens neun Registern angeschafft werden könnte. Aus den Plänen jedoch errechnete er einen Bedarf von zwölf Registern (Preis ca 5.000,- Mark). Als Kompromiss sei bestenfalls noch eine Orgel mit elf Registern zu einem Preis von ca 4.500,- Mark vorstellbar. Dies gehe aber auf Kosten der Klangschönheit.

Schließlich wurde dieser Kompromiss angenommen und eine Disposition für elf Register verteilt auf zwei Manuale plus Pedal ausgearbeitet. Wie für romantische Orgeln jener Zeit üblich, war der Klang auf weiche, sanfte Stimmungen gerichtet, auf Klangfarben mehr als auf scharfe, für Solostimmen geeignete Register. Dem entspricht die Auslegung der Register unserer Orgel. Ein einziges Register fällt aus dieser so genannten „weiten Mensur“ heraus, das Gemshorn.

Orgelempore
(Photo: JG)

Auf die Ausschreibung meldeten sich insgesamt sechs Orgelbaufirmen, die Angebote wurden im Juni 1914 eröffnet. Nur einer der Orgelbaufirmen, die Fa. Schaefer aus Creglingen, lag mit ihrem Angebot unter 5.000,- Mark. Hermann Poppen hatte gegen dieses Angebot keine Einwände, da er mit den Leistungen der Firma bei früheren Aufträgen, an denen er beteiligt war, nichts auszusetzen hatte.

So bekam der Orgelbaumeister A.M. Schaefer den Zuschlag. Er hielt sich streng an die Disposition von Hermann Poppen. Ohne im Besitz eines schriftlichen Vertrags zu sein, begann Schaefer mit dem Bau der Orgel. Erst im September bat er den Pfarrer in Sandhausen schriftlich um Nachreichung eines solchen. Im Vertrag wurde aber versäumt, eine Ablieferungsfrist zu vereinbaren, was sich später zur Quelle von Streitigkeiten zwischen Orgelbauer und Gemeinde entwickeln sollte.

Plakette der Fa Schäfer an unserer Orgel: Opus No 9
(Photo: JG)

Der Bau und die Auslieferung der Orgel verzögerten sich zunächst kriegsbedingt immer weiter. Die Aufsicht über den Fortgang der Arbeiten an der Orgel übernahm noch 1914 die Evang. Kirchenbauinspektion, die aber nur feststellen konnte, dass „Orgelbaumeister A.M. Schaefer …. zum Kriegsdienst einberufen“ wurde „ebenso seine sämmtlichen Arbeitskräfte.“ So konnte die Orgel nicht bis zur Einweihung der Kirche geliefert werden. Stattdessen lieh sich die Gemeinde ein Pedalharmonium bei einer Firma aus Durlach.

Weiter wirkte sich auch im Orgelbau die kriegsbedingte Rohstoffrationierung aus. Am 11.12.1916 teilte Schaefer mit, dass seine sämtlichen Zinnvorräte beschlagnahmt seien. Diese Situation dauerte noch 1919 nach Kriegsende an. Schließlich einigte sich der Kirchengemeinderat St. Ilgen mit Schaefer auf dessen Vorschlag, anstelle der vor dem Krieg üblichen Zinn-Legierung mit 75 % Zinn Pfeifen aus einer Zinn-Zink-Legierung mit einem Anteil von 50% Zinn zu verwenden sowie Pfeifen aus aluminiumbeschichtetem Zink, woraus vor allem die großen, außen sichtbaren Prospektpfeifen unserer Orgel bestehen.

Orgelbank
(Photo: JG)

Mittlerweile waren die Preise stark gestiegen, im Fall der Orgel um mehr als 100 %. Daher wurde das Projekt zunächst zurückgestellt, der Kirchengemeinderat sah sich außer Stande, die Mehrkosten zu tragen und hoffte auf wirtschaftliche Entspannung. Doch das Gegenteil trat ein, durch die Inflation stiegen die Kosten bis 1922 auf mehr als 150.000 Mark. Erst nach der Einführung der Rentenmark, im Juni 1924, wurde die endgültige Ausführung des Vertrags beschlossen.

Doch noch einmal verzögerte sich die nun für Weihnachten 1924 beschlossene Auslieferung der Orgel. Schließlich wurde sie am 18. Juni 1925, genau 9 Jahre nach Einweihung der Kirche, abgenommen. Im Abnahmebericht von Dr Walter Leib heißt es, dass die Register „durchweg zärter und weicher“ hätten intoniert werden können. Gelobt wird von ihm allerdings auch, nämlich das Gemshorn 4' sowie das Kornett, „das sich mit einem Pianoregister zu einer brauchbaren Kombination verbindet“.

Orgeltisch mit Registern
(Photo: JG)

Bei späteren Reparaturen und Renovierungen wurde nur sehr wenig in die von A.M.Schaefer konzipierte Gesamtkonstruktion eingegriffen. Ein Problem war der Kamin der Kirchenheizung, der am Orgelraum entlang verlief, und so immer wieder zu Verstimmungen der Pfeifen führte. Die Beseitigung der Mängel dauerte dann noch bis 1935. Nach dem Krieg, im Jahr 1948 wurde eine grundsätzliche Reparatur notwendig, denn das Kirchenmusikalische Institut in Heidelberg wollte die St. Ilgener Orgel als Üborgel mitnutzen. Damals wurden grundsätzliche Änderungen an der Disposition der Orgel, also eine Änderung der Register, angeregt. Diese konnten aber aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden. Erst im Zug der Renovierung von 1964 verwirklichte man dann einige Änderungswünsche. Durch Abschneiden der Pfeifen wurde aus den langen 8-Fuß-Pfeifen des ursprünglichen Violonbasses ein Choralbass mit 4-Fuß-Pfeifen - die einzige im Klang auffällige Veränderung unserer Orgel gegenüber dem Originalzustand. Sie steht im Wesentlichen noch so, wie sie A.M. Schaefer 1925 baute.

Zeichnung der Ziermuster
(Archiv der Bauabteilung der Evang. Landeskirche in Baden, Photo: JG)

Abschließend heißt es in der schriftlichen Hausarbeit von Jürgen Löbbecke anlässlich seiner B-Prüfung im Jahr 1983:
„Die Orgel in der evang. Dreifaltigkeitskirche in St. Ilgen ist sicherlich kein Meisterwerk. Sie ist aber in einem sehr gut erhaltenen Zustand. […] Durch den Einbau des Choralbaß 4' ins Pedal bietet die Orgel dem Organisten genügend Möglichkeiten, einen Gottesdienst abwechslungsreich zu gestalten. […] Die Gemeinde von St. Ilgen kann sich glücklich schätzen, ein Instrument zu besitzen, das in einer Zeit des Verfalls der Orgelbaukunst erbaut wurde, und dennoch über ein halbes Jahrhundert treu ihre Dienste geleistet hat.“

Orgel über Kanzel und Altar
(Photo: JG)


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