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EVANG. KIRCHENGEMEINDE ST. ILGEN


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Wer singt, betet doppelt

Geistliches Wort aus dem Gemeindebrief 3-2016 (Oktober-November)

Nun, liebe Leserinnen und Leser, das ist zwar kein biblischer Vers, aber als Leitwort für diesen Gemeindebrief durchaus geeignet. Zum einen spricht dafür ein äußerlicher Grund: Weil in diesem Oktober das Jubiläumsjahr unserer Gemeinde mit der Feier des 100. Geburtstags unseres Kirchenchors endet. Zum anderen, weil in diesem kurzen Satz eine fundamentale Wahrheit verborgen ist, die unsere Beziehungsebene als Christen betrifft, unsere Beziehung zu Gott und zueinander.

Wenden wir uns zunächst dieser Beziehungsebene zu. In der Bibel begegnen uns immer wieder Aufforderungen zum Singen - „Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt!“ (so in Psalm 96). Das Singen ist dabei immer mit positiven Emotionen verbunden, und darum auch mit dem Lob Gottes für so viel Gutes: „Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin“ (Ps 104,33). Das Singen hat es also zu tun mit meiner Beziehung zum Leben, mit der Freude am Leben. Und die kommt im Singen verstärkt zum Ausdruck.

Das hat seine Auswirkung in mindestens zwei Richtungen: Wer Freude am Leben empfindet, kann sie in den Gesang legen, so dass dieser Gesang die eigene Freude noch verstärkt und auch die anderen mit Freude ansteckt. Umgekehrt: Wenn ich freudlos bin, merkt man das meinem Singen sofort an. Vielleicht rät darum der Apostel Jakobus seiner Gemeinde: Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen (Jak 5,13).

Das soll das Beten nicht abwerten, zeigt aber an, dass im Leid die Beziehung zu mir selbst, zum Leben und zu Gott immer auch gefährdet ist. Die Beziehung wirkt dann gestört, nicht so unmittelbar. Während in der Freude die Beziehung ganz unmittelbar wirksam ist, ja durch das Singen noch verstärkt wird.

Im Gebet spreche ich zunächst Worte. Worte, die zwar ebenso mein Innerstes ausdrücken können. Aber sie begegnen anderen, ja auch mir selbst, der sie ausspricht, doch eher distanziert, rational, unemotional. Da ist mehr der Kopf beteiligt, der Verstand, auch wenn die Worte aus dem Herzen kommen.

Im Gesang dagegen tritt zu den Worten eine weitere Dimension dazu, eine emotionale Dimension - Lieder sind ja oft nichts anderes als gesungene Gebete. Der Gesang ergänzt meine Worte durch eine Dimension, die nicht nur den Verstand anspricht, sondern den ganzen Menschen erfasst, umfasst. So wirken die Worte des Gebets beim Singen doppelt!

Beim Singen bin ich mitten drin, der Inhalt des Singens wird zu mir selbst (außer ich würde ein Lied in einer mir fremden Sprache singen und den Klang der Sprache nur imitieren). Und weil Singen den ganzen Menschen umfasst, darum auch in seiner Beziehung zu Gott und den Menschen. Im Singen bin ich mit mir selbst und mit meiner Umwelt im Ein“klang“. Damit qualifiziert sich der (geistliche) Gesang als eine Möglichkeit spiritueller Erfahrung.

In den frühen menschlichen Gesellschaften hat man daher dem gesungenen Wort eine besondere religiöse Bedeutung beigelegt, eben weil es den Alltag transzendiert, ihn auf das Heilige hin durchbricht. Darum wird in der katholischen Liturgie (im Gegensatz zu der protestantischen) noch heute viel gesungen, darum singt der Vorbeter im Gottesdienst bei Juden und Moslems den Text der Heiligen Schriften. Das Singen der Texte hebt sich vom Alltagsgerede ab.

Etwas Weiteres tritt hinzu, wenn ich mit anderen gemeinsam singe. Um mit diesen anderen in „Ein“klang zu kommen, in Harmonie, muss ich mich mit diesen anderen Stimmen ja „abstimmen“. Ich kann nicht nur so singen, wie ich individuell das möchte, sondern ich muss auch auf die anderen hören, auf den Klang ihrer Stimme, damit meine Stimme mit ihnen in Wohlklang erklingt. Ohne Orientierung an einem gemeinsamen Rhythmus läuft alles auseinander. In der Abstimmung von Klang und Rhythmus finden alle Beteiligten in Harmonie zueinander, auch innerlich.

Dies ist dann - neben anderem - der Sinn des Gemeindegesangs im Gottesdienst: Sich aufeinander einlassen und einstimmen, miteinander das Herz weiten und Freude am Leben empfinden. Darum ist es auch so schade, dass immer weniger Menschen im Gottesdienst mitsingen. Vielleicht weil sie meinen, ihre Stimme klinge nicht schön, und sich darum nicht trauen, vielleicht weil sie die innere Verbindung zum Glauben verloren haben, vielleicht weil sie meinen falsch zu singen - oder aus welchen Gründen auch immer. Schade ist dies, weil darunter die innere Ausrichtung auf die Gemeinschaft im Gottesdienst, auf Gott und sein Wort leidet, weil damit auch eine Dimension spiritueller Erfahrung wegbricht.

Ich habe einmal gelesen: Kein Gottesdienst ohne Gesang. Soll wohl bedeuten: Ohne Gesang ist der Gottesdienst sozusagen nicht “vollwertig”, weil ihm die tiefe innere Einheit mit Gott fehlt - weil die Verkündigung des Evangeliums (=frohe, freudige Botschaft) dann freudlos wirke.

Soweit will ich jetzt nicht gehen, aber auch ich empfinde diesen Mangel an Gemeindegesang als eklatant. Aber ich will an dieser Stelle auch nicht weiter ausholen, woran dies liegen könnte (etwa wegen veränderter kultureller und musikalischer Rahmenbedingungen, die nicht oder nur ungenügend in der Kirchenmusik aufgegriffen werden; oder an Gemeindegliedern, die nur zur Weihnachtszeit oder bei persönlichen Anlässen in die Kirche kommen, und dann überrascht sind, dass sie die Lieder nicht mehr kennen, die inzwischen gesungen werden …). Das habe ich an anderer Stelle bereits getan.

Umso dankbarer können wir als Gemeinde sein, dass bei uns in St. Ilgen seit der Einweihung der Dreifaltigkeitskirche am 18. Juni 1916 ein Kirchenchor den Gemeindegesang immer wieder bereichert und ergänzt. So wurden durch ihn in den vergangenen Jahrzehnten Beispiele früherer Kirchenmusik bewahrt, zugleich aber auch immer wieder der Horizont geöffnet hin zu modernerer Chorliteratur und Impulse für den Gemeindegesang gesetzt. Dieser Herausforderung wird sich unser (wie jeder) Kirchenchor zu jeder Zeit immer wieder neu stellen müssen, heute frische Impulse zu setzen, so dass auch in Zukunft Gesang zum Lob Gottes in unserer Gemeinde erklingt - und Menschen ergreift, spirituell bereichert und vielleicht den einen oder anderen selbst zum Chorgeang motiviert.

Wir wünschen unserem Kirchenchor, dass ihm das gelinge - auch jetzt beim Jubiläumskonzert am 22. Oktober. Damit auch weiter gilt: "Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott." (Psalm 40,4)

Jörg Geißler,
Gemeindepfarrer


Photos: Geißler


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